Die rituelle Sexualität - als Wendepunkt / Kapitel 1
von Dieter Krauss, 1997

 

das Ritual mit einem jungen, begnadeten Naturtalent als Masseurin muss man selbst

erlebt haben. In den kommenden Ausgaben des OSA-Magazin werden wir versuchen, diese jahrhunderte alte Tradition umfassend und anschaulich zu erklären. Für diese Serie steht uns Robin Oakland als erfahrener Tantra-Meister zur Seite.

Es gibt haufenweise Literatur, wo man sich über Tantra oder wie auch oft genannt, über Kamasutra informieren kann. Was aber viel wichtiger ist, ist die Tatsache des Erlebnis. Nur wer Tantra einmal erlebt hat, ist in der Lage, die enorme Spannweite zwischen reiner Lust und übergeordneten Einheit mit dem jeweiligen Partner und damit den Ursprung des Seins dem sogenannten Tao zu bewältigen.

Im Hintergrund

Alle indischen Religionen und Philosophien gehen auf die vedische Religion zurück, die zeitlich auf die Einwanderung der Indogermanen datiert ist. Etwa 300 Jahre vor Christus machte zunächst ähnlich wie in Griechenland Sokrates ein philosophischer Lehrer in Indien von sich reden. Lao Tse. Er gilt als Begründer des Taoismus. Das Tao ist wie der Ursprung des Seins. Es ist das weise waltende Weltgesetz, das im Kleinen wie im Grossen ausnahmslos zum Ausdruck kommt. Durch die zwei grossen Urkräfte Yin und Yang offenbart sich das Tao in unserer Welt. Ziel des Wahrheitsschülers im Taoismus ist, die Grenzen zwischen dem Ich und dem Du, dem Innen und Aussen einzureissen. Es soll dazu dienen, einer höheren Einheit mit dem "Principe unique", dem kosmischen Urgrund auf allen Ebenen des Seins heranzureifen.

Ab dem 5. Jahrhundert nach Christus bestimmte dann der Tantrismus das religiöse und gesellschaftliche Leben in Indien. Die religiöse, philosophische Strömung basiert auf den Einsichten des Tao, aber mit einem entscheidenden Unterschied. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau wurde gefordert, weil ja auch Yin und Yang zwar unterschiedlich, aber eben doch gleich wichtig sind. Zu diesem Ergebnis kam man, weil sich die Grundkenntnis durchgesetzt hatte, dass die sexuellen Urenergien der intensivste Ausdruck von Yin und Yang sind.

Kultivierung der Sexualität

Durch eingeweihte Lehrer enstanden eine Fülle von Ritualen mit magisch orgastischen Praktiken, die darauf ausgerichtet waren, den körperlichen Orgasmus bei Frau und Mann möglichst weit hinauszuzögern. Somit sollte die kostbare Ching-Energie (Sexualenergie) möglichst intensiviert und kultiviert werden. Durch bestimmte Atemtechniken, den mantras (gesummte Laute) und anderen Praktiken wurde dabei Ching durch alle Ebenen des Seins bis zur Vereinigung mit dem kosmischen Princip geleitet. Als einzige Voraussetzung gilt, dass der Mann wie auch die Frau diese Rituale, vor allem als gleichwertige Partner betreiben. Im Mittelpunkt steht dabei der Genuss mit den fünf mit "M" beginnenden Dingen -nämlich Mada (Wein), Matsja (Fisch), Mamsa (Fleisch), Mudra (geröstete Körner) und Malthuna (Geschlechtsverkehr). Weil mit der Zeit des Zurückhalten des Orgasmus zunehmend besser beherrscht wurde, waren immer wirksamere Praktiken und Stellungen beim Koitus gefragt, die noch mehr Ching in sich aktivierten.

Etwa zur gleichen Zeit schrieb ein gewisser Watsjajana das  Buch "Kamasutra", was so viel wie der Leitfaden der Liebe bedeutet. Dieses Buch ist das älteste, noch vollständig erhaltene Werk zu diesem Thema. Darin werden nun eine ganze Menge an erotischen Stellungen, Rituale und andere Möglichkeiten beschrieben, die als Ergänzung zum Taoismus und Tantrismus verstanden werden müssen. Dank der Seminare am "Kahua Hawaiian Institute for inner Transformation" fand Tantra weltweite Beachtung. In unseren Breitengraden fanden das Skydancing Institut in der Schweiz und das Aruna Institut in Süddeutschland dadurch eine grosse Anzahl von Kursmitgliedern.

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